Was ist Autismus?

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) weisen unterschiedliche Besonderheiten in den Bereichen der Kommunikation, des Sozialverhaltens und in ihren Interessensgebieten auf.
Die Wahrnehmung, Kognition und Emotionalität kann sehr speziell sein und zu außergewöhnlichen Fähigkeiten aber auch zu Schwierigkeiten in der Alltagsbewältigung führen. Diese Besonderheiten und Fähigkeiten variieren im unterschiedlichen Maße, so dass nach dem aktuellen Konsens der Wissenschaft folgende Diagnosen zum Autismus-Spektrum gezählt werden: Frühkindlicher Autismus, Atypischer Autismus, Asperger-Syndrom und Wahrnehmungsstörungen. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass kaum wirklich eindeutige Abgrenzungen möglich sind – sowohl innerhalb der Diagnosen als auch zu anderen Formen von Besonderheiten bzw. bis hin zur Normalität.
Jeder Mensch mit ASS zeigt mehrere der nachfolgenden kommunikativen Auffälligkeiten:
So wird Sprache selten als kommunikatives Mittel verstanden. Viele Aussagen werden wortwörtlich genommen und Menschen mit Asperger-Syndrom verwenden eine sehr genaue und elaborierte Sprache. Menschen mit Frühkindlichem Autismus hingegen benutzen die Sprache als Kommunikationsmittel kaum und verwenden zum Teil nur Echolalien. Ausnahmen bestätigen die Regel
Die Kommunikation von Menschen mit ASS zeichnet sich durch Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und Direktheit aus. Sozialen Inhalten, oftmals durch allgemeine Floskeln ausgedrückt, wird weniger Bedeutung zugeschrieben. Körpersprachliche Ausdrucksformen, die diese sozialen Inhalte transportieren, werden somit kaum wahrgenommen oder als unbedeutend erachtet.
Dies wirkt sich auf den Kontakt und die Beziehungen zu anderen Menschen aus. Beziehungen zu Mitmenschen können deutlich funktioneller, pragmatischer und direkter ablaufen. Zum Teil halten Menschen mit ASS deutlich mehr Distanz und zeigen weniger Interesse an ihren Mitmenschen. Andererseits können sie mitunter sehr distanzlos gegenüber anderen Personen sein und überschreiten persönliche Grenzen.
Neurotypische Mitmenschen (ein Begriff der von Menschen mit ASS benutzt wird, um Menschen ohne Autismus zu beschreiben) reagieren auf diese weniger emotionale Art und Weise häufig mit Unverständnis. Menschen mit ASS gelingt es schwer, sich intuitiv in ihren Gesprächspartner hineinzuversetzen und somit dessen Absichten und Beweggründe zu verstehen (Schwierigkeiten bei der Theory of Mind).

Verschiedene FördermatierialienSehr beachtlich sind die Interessenbereiche von Menschen mit ASS, denen oftmals sehr viel Zeit gewidmet wird und die das gesamte Handeln bestimmen können. Diesen Spezialinteressen wird intensiv nachgegangen, so dass in diesen Bereichen (zwangsweise) umfangreiches Wissen kumuliert wird. Jede Kleinigkeit wird als wichtig erachtet und aufgenommen. So gelingt es Menschen mit ASS bspw. ein ganzes Straßenbahnnetz auswendig zu kennen, die gesamten Dialoge einer Trickserie nachsprechen zu können oder sich gänzlich im Sammeln bestimmter Dinge zu verlieren.

Dieses Interesse an Details liegt auch in der Wahrnehmungsverarbeitung von Menschen mit ASS begründet, die sich in einigen Merkmalen von der Verarbeitung neurotypischer Menschen unterscheidet. Personen mit ASS können oft Einzelheiten detaillierter wahrnehmen, sind empfindlicher für taktile Reize und weisen eine hohe Sensibilität für akustische Signale auf. Somit werden überdurchschnittlich viele Dinge wahrgenommen, die aber nur mäßig selektiert und koordiniert werden können. Menschen mit ASS leiden daher häufig unter Reizüberflutung, die Ängste aber auch Aggressionen auslösen können.

Die kognitiven Leistungen reichen im gesamten Spektrum von eingeschränkten Fähigkeiten bis hin zu überdurchschnittlichen Leistungen. Allen Menschen mit ASS ist gemein, dass ihr Intelligenzprofil, mit gängigen Methoden getestet, sehr schwankend ausfällt. Guten Fähigkeiten in der logischen Intelligenz können bspw. Schwächen in der Handlungsplanung gegenüber stehen.
Dem autistischen Spektrum gehört nur ein kleiner Teil der Bevölkerung an. Aktuelle Studien gehen von einem Prozent aus.
Männer sind viermal häufiger von Autismus betroffen als Frauen.
Die erwähnten Diagnosen aus dem ASS sind erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Sie sind im ICD 10 (F 84.0 – F 84.5) und im DSM IV festgeschrieben, unterliegen aber einem gewissen Wandel, der durch ständig wachsende medizinische, therapeutische und pädagogische Erkenntnisse bestimmt wird.

In jedem Fall finden sich:Einer wie keiner

1. Qualitative Beeinträchtigungen in den sozialen Interaktionen

Sie zeigen sich in Form einer unangemessenen Einschätzung sozialer und emotionaler Signale wie z.B. im Fehlen von Reaktionen auf Emotionen anderer Menschen oder einerfehlenden Verhaltensmodulation im sozialen Kontext. Es besteht ein geringer Gebrauch sozialer Signale und eine mangelhafte Integration sozialer, emotionaler und kommunikativer Verhaltensweisen. Besonders fehlen die soziale und emotionale Gegenseitigkeit.

2. Qualitative Beeinträchtigung in der Kommunikation allgemein

Diese zeigen sich im Fehlen eines sozialen Gebrauchs vorhandener sprachlicher Fertigkeiten, wie immer diese entwickelt sein mögen. Es bestehen Beeinträchtigungen in der Imitation, eine mangelhafte Synchronie und Fehlen von Gegenseitigkeit im Gespräch, geringe Flexibilität im Sprachausdruck und ein relativer Mangel an Kreativität und Phantasie im Denkprozess. Es besteht ein Mangel an emotionaler Resonanz auf verbale und nonverbale Annäherungen anderer Menschen, ein beeinträchtigter Gebrauch von Veränderungen der Sprachmelodie durch Stimmsenkung und -hebung, die kommunikative Modulation widerspiegeln, und ebenso ein Mangel an Begleitgestik, welche die sprachliche Kommunikation betont und ihren Sinn unterstreicht.

3. Charakteristische Störung durch eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster, Interesse und Aktivitäten

Sie zeigen sich in einer Tendenz, große Teile alltäglicher Aufgaben starr und routiniert auszuführen. Dies gilt meist für neue Beschäftigungen ebenso wie für vertraute Gewohnheiten und Spielmuster. Besonders in der frühen Kindheit kann eine spezifische Bindung an ungewöhnliche, typischerweise nicht weiche Objekte vorhanden sein. Die Kinder können darauf bestehen, bestimmte Handlungsroutinen in bedeutungslosen Ritualen auszuführen. Es können stereotype Beschäftigungen mit Daten, Fahrtrouten oder Fahrplänen vorkommen. Motorische Stereotypien sind häufig, ebenso ein spezifisches Interesse an unwichtigen Teilaspekten von Objekten. Auch kann Widerstand gegenüber Veränderungen von Handlungsroutinen oder gegenüber Details der persönlichen Umgebung vorhanden sein.

Neben diesen spezifischen diagnostischen Merkmalen zeigen Kinder mit Autismus oft auch eine Reihe anderer, unspezifischer Probleme wie Befürchtungen, Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche und Aggressionen gegen sich selbst und andere. Die meisten Menschen mit Autismus lassen Spontaneität, Initiative und Kreativität in der Organisation ihrer Freizeit vermissen und haben Schwierigkeiten bei der Arbeit Konzepte zur Entscheidungsfindung anzuwenden. Die spezifische Manifestation der für den Autismus charakteristischer Defizite ändert sich mit zunehmenden Alter, jedoch bleiben die Defizite im Erwachsenenalter mit weitgehend ähnlichen Problemen in der Sozialisation, der Kommunikation und der Interessen bestehen. Um die Diagnose stellen zu können, müssen Entwicklungsauffälligkeiten in den ersten drei Jahren vorhanden gewesen sein, das Syndrom kann aber in allen Altersgruppen diagnostiziert werden. Im Rahmen autistischer Störungen kann jedes Intelligenzniveau vorkommen, man geht jedoch davon aus, dass zwei Drittel auch geistig behindert sind.